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27.08.2016 07:47 Age: 215 days
Category: Presse

Eine Stadt am Puls des saarländischen Herzens

Seit gestern läuft das „Stumm“-Musical in Neunkirchen – Blick auf ein landesweit einzigartiges Bürger-Projekt


von Cathrin Elss-Serringhaus, Saarbrücker Zeitung

Neunkirchen wirbt mit dem Titel „Musicalstadt“. Dieses Jahr inszeniert ein Neunkircher das Sommer-Musical, der Hüttenbaron Carl Ferdinand Stumm ist die Titelfigur und 100 Bürger machen mit. Mehr Lokalpatriotismus geht nicht. Die SZ war vor der gestrigen Premiere dabei.

Es riecht nach Maggi und Grumbeere. Eine Sinnestäuschung? Über dem gesamten Backstage-Bereich der Neunkircher Gebläsehalle liegt ein typisch saarländischer Geruch. Würde man es nicht selbst erleben, man hielte es für einen Inszenierungs-Gag. Schließlich geht's im „Stumm“-Musical auch um den Proletarier-Alltag. Dibbelabbes gab es sicher auch schon zu Zeiten des stinkreichen Freiherrn Carl Ferdinand von Stumm-Halberg (1836-1901). Heute liefert eine Cateringfirma die Hausmannskost an. Wer von sechs Uhr abends an bis früh in den Morgen probt, braucht richtig was an Kalorien.

Wir sind auf Stumm-Terrain. Auf dessen Hüttenareal in Neunkirchen steht die schöne Veranstaltungshalle, die es ohne das Musicalprojekt gar nicht gäbe. Und auch nicht den Titel „Musicalstadt“ samt Positiv-Imagezuwachs seit 2004, den die Isoplan-Markforschung kürzlich festgestellt hat. Die 209 000 Euro im städtischen Haushalt hält Oberbürgermeister Jürgen Fried (SPD) für bestens investiert, in „Stadtmarketing“. Das kulturelle Angebot liefere laut Umfrage direkt hinter den Shoppingmöglichkeiten den „Haupt-Besuchsanreiz.“ Deshalb hat Fried, „Vater“ des Bürgermusicals, das jedes Jahr im Sommer Teile seiner Stadt in eine Art Volksfest-Stimmung katapultiert, auch noch den Rohrbach-Filmpreis hinterher geschoben – Prominenz in der 50 000-Einwohner-Stadt.

Doch das soziokulturelle Musicalprojekt – saarlandweit einzigartig – verfolgt andere Ziele. Es erhebt nicht den Anspruch, in der Entertainment-Bundesliga mitzuspielen, obwohl von Anfang an Theater-Profis als Trainer engagiert wurden, etwa der frühere Staatstheater-Schauspieler Martin Leutgeb oder die Choreografin Ellen Kärcher. Sie sagt: „Das Schöne ist, dass wir nicht auf Erfolg produzieren müssen. Trotzdem ist es keine reine Selbstverwirklichungs-Aktion. Das Publikum soll auf seine Kosten kommen.“ Stadtsprecher Markus Müller formuliert es so: „Hier spielen Bürger für Bürger. Das Projekt fördert Kreativität und stiftet Identität“. Er muss es wissen. In der aktuellen Produktion spielt Müller Stumms Leibarzt Dr. Zechner. Seit 14 Jahren hält Müller sich den Sommer frei, um mitzumachen. Rund 80 Prozent der über 100 Mitwirkenden vor und hinter der Bühne sind Wiederholungstäter. Mal sind sie Statisten, mal in der Maske zugange, mal Hauptdarsteller. Man sei eben auch hinter der Bühne nicht „draußen“, heißt es. Petra Hubertus (52), einer Frau der ersten Musicalstunde, sind deshalb Rolle und Stücke egal: „Hauptsache, dabei sein“, sagt die Steptanzbegeisterte St. Ingberterin. Man hört nichts anderes als – Lob.

Es muss einen Neunkircher Virus geben. Es heißt Euphorisierung. Frank Müller, der dieses Jahr zum ersten Mal dabei ist, erklärt: „Ich wurde mit offenen Armen empfangen. Hier läuft ein unglaubliches Training in Teamgeist“. Und Hauptdarsteller Nils Hollendieck (48), der bereits als „Jedermann“ in der Gebläsehalle stand, spricht von einer „Atmosphäre wie im Zeltlager oder wie im Fußballclub. Die Proben machen einen schlichtweg glücklich.“ Und dann schiebt der gebürtige Bremer und Ludweiler Gymnasiallehrer etwas nach, das aus einem Musical stammen könnte, über dem „Saarland, deine Seele“ steht: „In Neunkirchen wird man aufgesogen. Ich war plötzlich Saarländer.“ Für Hollendiek, der eine klassische Opernausbildung absolviert hat und dem man Anspruch und Ehrgeiz unterstellen darf, ist der Erfolg bei Publikum und Kritik der kleinste Lohn. Er vertraut seinem Regisseur Matthias Stockinger: „Wenn der und wir uns einig sind, ist egal, was man darüber sagt oder schreibt.“

Stockinger ist das jüngste Glied in der Neunkircher „Wir-schaffen-das“-Kette. Ein Neunkircher Bub, ein Glücksfall. Denn der Mann versteht was vom Business, hat als Musicaldarsteller Karriere gemacht – und bringt zugleich eine staunenswerte Gelassenheit mit ans „Set“. Vor kaum 14 Tagen stemmte er die Titelrolle im „König Ludwig“-Musical im Festspielhaus in Füssen – bravourös, wie man nachlesen kann. Wer seine „Wäschde“ und „Hädsche“-Anweisungen im breitesten „Neinkerjer“ Platt verfolgt, ahnt, dass Flexibilität und Einfühlung sicherlich zu Stockingers Talenten zählen. Und Respekt vor anderen: Jeden der 100 Mitwirkenden kenne er mit Namen, sagt er. „Das bin ich den Menschen schuldig.“ Stockinger hat das „Stumm“-Musical, das bereits 2009 gezeigt wurde, überarbeitet. „Fokussiert“ nennt er das oder „verschlankt“. Stockinger kennt das Neunkircher Dilemma, das in der Vergangenheit zu überlangen, für das Publikum oft strapaziösen Aufführungen führte: Alle wollen zeigen, was sie können. Stockinger spürt „einen großen Willen, sich zu entwickeln.“ Übrigens auch in seiner Heimatstadt.

Als „Stumm“ das erste Mal lief, war die Gebläsehalle eine zugige Kiste mit Improvisations-Charme. Heute trete man in einer Veranstaltungshalle auf, die sich bundesweit nicht verstecken müsse. Überhaupt rät er den Saarländern zu mehr Selbstbewusstsein. Als er wegging, um zu studieren, habe er kein Heimweh entwickelt. Erst bei der Rückkehr, seien Heimatgefühle entstanden. „Ich merke erst jetzt: Die Stadt ist mir wahnsinnig vertraut“ – der Kinderflohmarkt am Hüttenweg, der erste Liebeskummer am Wasserturm. Auch Stockinger scheint „aufgesogen“ vom Neunkircher Musicalgeist. Er will weitermachen. Eher nicht mit einem stadtgeschichtlichen Thema. Schade. Neunkirchen scheint der ideale Ort, um das, was man Industriekultur und „Das Erbe“ nennt, vital zu halten – als emotionales Erleben.

Zum Thema: Hintergrund Geschichte: Start 2003 (370 Bewerber): „The Casting“ (170 Akteure, vier Aufführungen, über 2000 Besucher). 2004/2005: „Merlin“, 2006: „Hotel!“, 2007/2008: „Lysistrate“. 2009/2010: „Stumm“, 2011: „BeGEISTert“. 2012/2013: „Jedermann!, 2014: „Steam“, 2015: „Steam“ und „Big Bang Boom“; 2016: „Stumm“-Neuinszenierung, aus Anlass des 180. Geburtstags. Aufführungen: 27., 28., 30. und 31. August, 2., 3., 4. September, 20 Uhr. Karten: Ticket-Regional, Telefon (06 51) 9 79 07 77. Der Regisseur: Matthias Stockinger lebt in Trier und war Ensemblemitglied im Theater Trier. Er wurde 1983 in Neunkirchen geboren, ging aufs Neunkircher Gymnasium am Krebsberg, studierte Gesang/Schauspiel an der Folkwang-Hochschule Essen. Stockinger hat unter anderem im Musical „Tanz der Vampire“ (Berlin, Oberhausen, Stuttgart) mitgewirkt. Er betreibt die Agentur „Art und Weise – Agentur für Musical“. ce